POOR THINGS - EIN FEMINISTISCHER FILM?
- Voice Maniac

- 30. Jan. 2024
- 2 Min. Lesezeit

Poor Things handelt von Bella, einer jungen Frau, der das Gehirn ihres eigenen Babys eingepflanzt wurde und die sich demnach geistig auf dem Stand eines Kleinkindes befindet. Da sie gesellschaftliche Gepflogenheiten weder kennt noch versteht, eckt sie mit einigen Männern an, die sie zähmen und besitzen wollen. Auf die Art und Weise werden patriarchale Strukturen auf unterhaltsame Weise sichtbar gemacht.
Trotzdem eignet sich der Film (Drehbuch Tony McNamara, Regie Giorgos Lanthimos) kaum für female empowerment. Das liegt einerseits daran, dass er wenig glaubwürdig über weibliche Sexualität erzählt. Themen wie Periode, Verhütung oder Geschlechtskrankheiten werden komplett ausgespart, was vor allem deshalb verwunderlich ist, weil es in dem Film in weiten Teilen darum geht, wie Bella ihren Körper entdeckt.
Wenn man die Prämisse der Geschichte ernst nimmt, haben in dem Film deutlich ältere Männer Sex mit einem Kleinkind im Körper einer Frau. Ein Kleinkind hat aber nicht die geistige Reife und das nötige Wissen für Konsens, weswegen der Film eigentlich ein Film über sexuellen Missbrauch ist. Dieser wird aber als solcher nicht benannt oder problematisiert. Funktionieren kann das nur, weil Bella in den Intimszenen plötzlich kein kindliches Verhalten mehr an den Tag legt - sonst wäre die Szenen wohl kaum zu ertragen.
All die Gewalt, die sie erlebt, scheint spurlos an ihr vorüberzugehen. Selbst die Arbeit im Bordell mit liebloser Kundschaft kann ihr angeblich nichts anhaben. Widerliche alte Typen über sich drüberrutschen zu lassen, wird zum feministischen Akt der Befreiung erklärt.
Emma Stone ist in weiten Stecken des Films nackt, oft auch auf unnötige und voyeuristische Weise. Die Sexszenen bedienen vor allem den Male Gaze und zeigen kein spielerisches Entdecken der oder Herantasten an ihre Sexualität. Wie ihre Lust dabei angeblich befriedigt werden soll, bleibt anatomisch fragwürdig. Insgesamt zeigt der Film eine sehr männliche Perspektive auf weibliche Sexualität, die wenig mit der Realität zu tun hat.
Auch sonst merkt man dem Film an, dass er von einem fast rein männlichen Team erschaffen wurde. Besonders schade ist dabei, dass nur junge, schlanke Frauen als sexuell attraktiv und begehrenswert dargestellt werden, alte Frauen hingegen als vertrocknete Gouvernanten oder alte Jungfern.
Erfrischend ist hingegen, mal eine Frau auf der Leinwand zu sehen, die aktiv Sex einfordert und damit Männer überfordert und vor den Kopf stößt - auch wenn ihr Kleinkindgeöhirn im Endeffekt nicht wirklich weiß, worauf sie sich einlässt.
Insgesamt bleibt die Figur der Bella eine skurrile Neuinterpretation des patriarchalen Ideals der Kindfrau, die sexuell unerfahren und dem Mann damit unterlegen ist - dabei aber stets verfügbar. Dank ihrer Unerfahrenheit bedroht sie den Mann im Bett nicht durch eine reife, erwachsene Sexualität oder gar der Forderung nach Nähe. Es wäre interessant gewesen, die Männer auch daran scheitern zu sehen.


Kommentare