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OSTDEUTSCH SEIN – WARUM WIR UNSERE GESCHICHTEN TROTZ ALLEM ERZÄHLEN MÜSSEN

Aktualisiert: vor 2 Tagen


Lena Liberta - als Kind und heute (Foto: Nils Volkmann)
Lena Liberta - als Kind und heute (Foto: Nils Volkmann)

 

Als die Mauer fiel, war ich acht. Ich war Jungpionierin und Klassenbeste, war stolz als ich mein blaues Halstuch endlich richtig binden konnte und freute mich auf das rote. Ich glaubte an feste Regeln und eine unerschütterliche Gemeinschaft. Den Westen hielt ich für einen gefährlichen Ort. Menschen müssten dort auf der Straße leben und Verbrecher würden ihr Unwesen treiben. Die Mauer beschützte uns. Die gut geölte DDR-Propagandamaschine funktionierte bei mir tadellos.

Vom Mauerfall erfuhr ich von anderen Kindern in der Schule wie von einer nahenden Katastrophe, die niemand mehr aufhalten konnte. Wir hatten Angst, dass wir in den Straßen gegen Banden aus dem Westen kämpfen müssten. Meine Eltern blieben in dieser Zeit seltsam ruhig. Ich wurde nicht schlau aus ihnen, doch ich war froh als sie eine Kette an der Tür unserer Plattenbauwohnung anbrachten. Stück für Stück wurde alles umgebaut und wegsortiert: Das Halstuch, die Schulbücher, die Brigadeausflüge meiner Eltern und mein Lieblingseis in der Kaufhalle. An den Kreuzungen wurden die Schilder ersetzt. Ich wohnte plötzlich nicht mehr in der Straße der Aktivisten, sondern im Wacholderweg – und das ganz ohne Umzug.


Von jetzt auf gleich hieß es: „Vergiss, was du gelernt hast! Jetzt gilt ein neues Spiel!“ Aber niemand erklärte uns die Regeln. Niemand erklärte überhaupt irgendwas. Erwachsene suchten orientierungslos, wo es nun langgeht. Wir sahen, wie sie sich klein machten vor anderen, die aus dem Westen kamen, die lauter, eloquenter waren und in jedem Raum den Ton angaben, wie sie versuchten, mitzuschwimmen in die neue Zeit. Und wir Kinder? Wir waren in diesem Chaos allein.

 

Später begann ich die neuen Schulbücher aus dem Westen zu markieren mit Fragezeichen. Ich verschränkte die Arme in der Klasse vor jedem Lehrer, der versuchte, mir jetzt noch irgendwie die Welt zu erklären. An den Seitenrändern meiner Schulbücher stand „GZ“. Es war die Abkürzung für ein durch ein Wort benanntes Gefühl, das mich mein ganzes Leben lang begleitet hat. Es hieß: „Großer Zweifel“. Doch der richtete sich vor allem gegen mich selbst.

 

Später, als einzige Frau in meiner Hamburger Filmregieklasse, dachte ich lange, dieses anhaltende Gefühl der Verunsicherung käme allein von der „Anmaßung“, eine Führungsrolle in einem männlich dominierten Feld einnehmen zu wollen. Aber da war noch etwas anderes: Ich schämte mich für meine Herkunft. Für meinen Dialekt, den ich fast ganz weggeschliffen hatte, weil ich wusste, dass er überall lächerlich gemacht wurde. Oft habe ich die Flucht nach vorn angetreten, mich zur Außenseiterin gemacht, meine Ost-Identität sofort benannt – und zugleich Verallgemeinerungen über „die Ossis“ nachgeschoben, von denen ich mich dabei distanzieren wollte. Ein Drahtseilakt. Und immer dachte ich: Meine Perspektive ist schräg. Vielleicht zum Lachen, aber nicht wichtig. Meine Gefühle sind merkwürdig. „Stell dich nicht so an“, sagte ich mir. „Solltest du nicht lieber dankbar sein?“ Jahrzehntelang habe ich versucht, einen Platz zu finden und mich zugleich mit Händen und Füßen gegen die neuen Spielregeln gewehrt, die ich nie ganz akzeptieren wollte. Und immer fühlte ich mich dabei allein – in diesem ewigen Kampf nach innen und nach außen.

 

Nachdem ich an meiner Filmschule trotz allem erfolgreich Preise gesammelt hatte, ging mir auf dem freien Filmmarkt irgendwann die Puste aus. Ich wollte und konnte keine Absagen mehr lesen. Und dann klopfte meine Geschichte über den Mauerfall wieder an. Lauter als je zuvor. Ich konnte den Sound nicht mehr runter dimmen und machte mich an die Arbeit. Ich schrieb und schrieb und schrieb. Beim Weg durch die Fassungen kam ich meinen Eltern durch viele Gespräche näher, auch Wildfremden. Ich stieß auf so viele Geschichten, so viel Kostbares, Komisches, Absurdes und vor allem Schmerzhaftes – und merkte, wie tief das in uns sitzt und dass es raus will. Nicht nur aus mir.

 

Doch immer wieder höre ich, dass die Geschichten von damals doch keinen mehr interessieren würden. Und die, die jede Menge Geschichten erzählen könnten, die trauen sich nicht. Kein Wunder. Wir Ostdeutschen sind es seit Jahrzehnten gewohnt, dass unsere Geschichten von anderen erzählt werden. Dass sich fremde Perspektiven über unsere schieben. Die großen Filmerzählungen über die DDR – Das Leben der Anderen oder Good Bye, Lenin! oder die Agentenserie KLEO - wurden fast ausschließlich von westdeutschen Teams gemacht. Uns wird von anderen erzählt, wie „krass“ unser Leben war, dass wir unterdrückt waren, dass wir ulkig waren, naiv oder eben einfach „anders“. Filme sind machtvoll. Sie können sich tief ins Gedächtnis schreiben und überlagern kollektive Erinnerungen. Das kann sich besonders schmerzhaft anfühlen, wenn das eigene Erinnern darin keinen Platz finden kann.

 

Doch wie sollen wir erzählen, wenn wir gefragt werden? Wenn wir als Ostdeutsche nicht mit Wut, sondern auch mit Wehmut von Erinnerungen an unsere verschwundene Heimat erzählen, unpolitisch, von unserem Lieblingseis, von Brigadefeiern, landen wir direkt in der Ostalgie-Ecke. Wir gelten als „Jammerossis“, wir nerven, wir empören: Wir würden doch nicht etwa die DDR wiederhaben wollen?! Doch was, wenn das „Jammern“ nur ein kleinlauter Ausdruck von Trauer und Enttäuschung ist, die bis heute keinen Raum bekommen hat – nicht öffentlich und oft nicht einmal privat? Was, wenn die Traurigkeit sofort mit Ostalgie gelabelt und aus dem Raum geschoben wird, bevor sie gefühlt werden kann, weil die Geschichte der gewonnenen Freiheit nicht beschädigt werden darf? Sucht sie sich dann andere Wege?


Ich bin nicht mehr bereit, anderen das Feld zu überlassen, die diese Heimatwunde für sich benutzen wollen. Nicht den Story-Jägern und schon gar nicht einer Partei, die im Osten damit die meisten Wählerstimmen sammelt. Die mit ihrer strategischen Aufwertung der Ost-Identität und der Abwertung von Menschen mit anderen Migrationsgeschichten an die Macht kommen will. Die kalkuliert mit dem verletzlichsten Nerv meiner Heimat spielt: Angst vor Verlust, der Ohnmacht und Veränderung und dem Schmerz, damit wieder einmal allein zu sein. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Spitze dieser Partei westdeutsch ist. Vielleicht ist das Posieren auf der Simson, dieses strategische Abfeiern von allem, was ostdeutsch ist, auch ein Ersatz für die lang ersehnte Würdigung der Umbruchsnarben, die vom Westen immer ausblieb.


Gerade war ich als Moderatorin auf einem großen Netzwerktreffen für zivilgesellschaftliches Engagement in Erfurt, meiner alten Heimatstadt. Viele der mit Herzblut Engagierten hatten das Gefühl, in ihrer Arbeit Jahrzehnte zurück geworfen zu sein. Doch der politische Gegenwind zwingt auch dazu, sich selbst zu hinterfragen und nicht mehr nur etwas zu verteidigen, sondern sich gemeinsam neu auszurichten. Doch können wir voraussetzen, dass eine gemeinsame Vision einer gerechteren Welt ausreicht? Können wir unser volles Potential wirklich entfalten, wenn wir übersehen, dass wir nicht alle vom gleichen Punkt aus starten? Ich glaube, wenn wir nicht nur Raum schaffen, für das was uns verbindet, sondern auch für das, was uns trennt, wachsen wir am Ende alle enger zusammen.

 

Auch deshalb müssen wir unsere Geschichten erzählen und kommen dabei vielleicht mit jedem Schritt einer größer werdenden Lichtung näher, auf der unsere vielen unterschiedlichen Geschichten auftauchen, die wir endlich auf unsere Weise erzählen müssen, weil sie wichtig sind, um zu fühlen, um zu verstehen, und weil sie es wert sind, gehört zu werden.




Lena Liberta ist eine deutsche Autorin, Podcasterin, Regisseurin und Moderatorin. Sie studierte Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität Weimar und Film- und Fernsehregie an der Hamburg Media School und ist bekannt für Filme wie Wie ein Fremder (2011) sowie ihre Arbeit als Moderatorin in Kultur- und Medienveranstaltungen. Lena Liberta engagiert sich bei Weltoffenes Thüringen und produziert den Podcast „Zwischentonspur“, der ostdeutsche Perspektiven und Engagement im ländlichen Raum Thüringens sichtbar macht.


Hier gehts zur >>> Webseite von Lena Liberta


Foto: Nils Volkmann


Der Text wurde am 3. Oktober 2025 in der BERLINER ZEITUNG veröffentlicht

1 Kommentar


petty.petra112
vor einem Tag

Sehr berührend. Danke

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