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HOLOCAUST: WIE EINE FERNSEHSERIE DAS SCHWEIGEN BRACH

  • 27. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 28. Jan.

"Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss", mit Meryl Streep und James Woods
"Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss", mit Meryl Streep und James Woods

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Über 1,1 Millionen Menschen waren dort ermordet worden: Juden*Jüdinnen, Sinti* und Roma*, queere Menschen, Kriegsgefangene und politische Häftlinge. Was folgte, war zunächst nicht die umfassende Aufarbeitung, die man hätte erwarten können. Bei den Nürnberger und Frankfurter Prozessen wurden zwar einige Täter zur Rechenschaft gezogen – doch die überwiegende Mehrheit blieb straffrei und konnte unbehelligt in der neuen Bundesrepublik weiterleben.


Der Wiederaufbau dominierte schnell den öffentlichen Diskurs. Die westdeutsche Gesellschaft konzentrierte sich auf wirtschaftlichen Aufschwung und wollte nach vorne blicken – nicht zurück. Bald saßen im westdeutschen Bundestag 129 ehemalige NSDAP-Mitglieder. 1949 und 1954 verabschiedete er einstimmig Amnestiegesetze, die die Mehrheit der verurteilten Nationalsozialisten begnadigte.


Ein tabuisiertes Schweigen über den industriell organisierten Massenmord herrschte vor – in Wohnzimmern, Klassenzimmern und Amtsstuben gleichermaßen. Bis eine amerikanische Fernsehserie die Nation zum Sprechen brachte.


„Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" wurde vom 22. bis 26. Januar 1979 gegen massive Vorbehalte in den dritten Programmen der ARD ausgestrahlt. Die Entscheidung, die Serie überhaupt zu zeigen, war alles andere als selbstverständlich. Innerhalb der Rundfunkhäuser gab es erhebliche Widerstände. Kritiker*innen befürchteten eine "Trivialisierung" des Holocaust durch eine amerikanische Fernsehproduktion. Andere wollten die unbequeme Vergangenheit lieber weiter ruhen lassen.


Rechtsextreme versuchten durch Sprengung von Sendemasten die Ausstrahlung zu verhindern. Doch die Serie lief – und wurde zu einem kulturhistorischen Wendepunkt. Etwa 20 Millionen Deutsche – ungefähr die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung – sahen die mehrteilige Geschichte der jüdischen Familie Weiss. Eine sagenhafte Quote.


Die fiktionale Serie zeigte die Geschichte der jüdischen Familie während der NS-Zeit auf eine Weise, die Geschichtsbücher und Dokumentationen bis dahin nicht erreicht hatten: hautnah, emotional, nachvollziehbar. Sie kreierte Empathie für die Verfolgten und machte das Unfassbare greifbar, indem sie ihm Gesichter, Namen und persönliche Schicksale gab.


Die Reaktionen waren überwältigend: 23.000 Menschen riefen beim Sender an, um sich bei den begleitenden "Open End"-Diskussionsrunden zu beteiligen – die Sehbeteiligung lag dort bei bis zu 30 Prozent. Menschen, die jahrzehntelang geschwiegen hatten, fingen an zu sprechen. Die Serie wurde zum Gesprächsthema Nummer eins. Kinder stellten ihren Eltern Fragen. Der Begriff "Holocaust" etablierte sich durch die Serie als fester Begriff in der deutschen Sprache – vorher wurde meist von "Judenverfolgung" oder "Judenvernichtung" gesprochen.


In Österreich führte die Serie zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle bei den Nazi-Verbrechen. Bis dahin hatte sich das Land mehrheitlich als unschuldiges erstes Opfer der Deutschen gesehen – die Mittäterschaft vieler Österreicher*innen wurde verdrängt. "Holocaust" durchbrach auch dieses Schweigen.


Die Serie soll sogar dazu beigetragen haben, dass der deutsche Bundestag im selben Jahr die Verjährungsfrist für Mord aufhob – eine rechtliche Voraussetzung, um NS-Verbrechen auch Jahrzehnte später noch verfolgen zu können.


In der Serie werden zentrale Ereignisse des Holocaust nicht abstrakt, sondern am Beispiel der fiktiven Figuren dargestellt: der Aufstand im Warschauer Ghetto, die Funktion des Ghettos Theresienstadt zu Propagandazwecken gegenüber dem Internationalen Roten Kreuz, die Massenexekution in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew, die Kämpfe der ukrainischen Widerstandsbewegung und schließlich der mutige Aufstand und die Flucht aus dem Vernichtungslager Sobibór.


Durch diese narrative Verknüpfung historischer Ereignisse mit persönlichen Schicksalen wurde Geschichte plötzlich begreifbar. Das ist, was fiktionale Stoffe im besten Fall bewirken können: Diskussionen anregen, wichtige Themen in den gesellschaftlichen Fokus rücken, Empathie fördern und Verständnis schaffen, wo bloße Fakten nicht ausreichen.


Heute, am 81. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, leben wir in einer Zeit, in der sich viele Jü*dinnen in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. Antisemitismus und Antiziganismus erleben ein erschreckendes Comeback, Queerfeindlichkeit nimmt zu, Bedrohungen und alltäglicher Hass werden wieder salonfähig. Synagogen müssen von der Polizei bewacht werden. Jüdische Einrichtungen erhalten Morddrohungen.


"Holocaust" löste 1979 eine Debatte aus und veränderte das Bewusstsein einer ganzen Generation.


Welchen Film oder welche Serie brauchen wir jetzt, um wieder Empathie zu schaffen und Menschen wachzurütteln?


Was meint ihr?



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