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ANTISEMITISMUS BEI DEN LINKEN - WAS IST DRAN?

28. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Okt.

Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Aber wenn Jüdinnen*Juden sich in Deutschland nicht mehr sicher fühlen, muss das ernst genommen werden.


Italienischer Generalstreik für Gaza in Ancona, 22 September 2025 - Foto: by Ukrain4Pal - Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175447047
Italienischer Generalstreik für Gaza in Ancona, 22 September 2025 - Foto: by Ukrain4Pal - Own work, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=175447047


Nach ihrem Wahlsieg in Berlin steht die Linke im Rampenlicht, und mit ihr die Debatte über ihr Verhältnis zu Israel und zum Antisemitismus. Der Zentralrat der Juden kritisiert Beschlüsse und Auftritte aus der Partei, die Linke verweist auf ihr Bekenntnis zum Existenzrecht Israels und darauf, dass sie Antisemitismus nicht toleriere. Doch wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik an Israel und Antisemitismus - und wie konsequent geht die Partei damit um?



Antizionismus


Der Landesverband Niedersachsen der Linken hat sich im März gegen den “heute real existierenden Zionismus” positioniert. Der Zentralrat der Juden (Josef Schuster) nannte das antisemitisch – weil hier nicht nur Regierungspolitik kritisiert, sondern das Existenzrecht Israels infrage gestellt werde.


“Zionist” ist aktuell zum Schimpfwort geworden - obwohl Zionismus im Endeffekt nichts weiter ist, als die Idee eines jüdischen Nationalstaates in Palästina. Auch die Behauptung, Antizionismus richte sich nicht gegen Jüdinnen*Juden ist gewagt, da in Israel etwa die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung lebt. Ein Großteil der Israelis stammt aus arabischen Ländern und dem Nahen Osten, wo sie als “Dhimmis” jahrhundertelang unterdrückt und verfolgt wurden. Sie können nicht einfach zurück nach Europa oder in die USA, wie manche fordern.



Linksjugend ['solid]: „Israel verrecke“


Die parteinahe Linksjugend ['solid] ist 2026 wegen Positionen einzelner Mitglieder in die Kritik geraten. "Israel verrecke", hieß es in einem internen Forum, in anderen Beiträgen wurden Stalin, Mao und die DDR verherrlicht. Der Slogan erinnert an die NS-Losung “Juda verrecke”.


In einem Beschluss des Bundesparteitags 2026 hingegen steht ein Bekenntnis zum Existenzrecht des Staates Israel. Weiter heißt es: „Antisemitismus und Hass gegen Jüdinnen und Juden werden wir niemals tolerieren.“ Wie konsequent die Partei in Zukunft mit problematischen Äußerungen umgeht, bleibt abzuwarten.



Jerusalem Declaration


Die Linke beschloss 2025, sich auf die Jerusalem Declaration on Antisemitism zu beziehen, statt auf die IHRA-Arbeitsdefinition, die der Zentralrat der Juden empfiehlt. Die Linke begründete ihren Beschluss u.a. damit, dass die IHRA-Arbeitsdefinition in der politischen Praxis zur Einschränkung von Kritik an der israelischen Regierung und zur Repression palästinasolidarischer Proteste missbraucht werde.


Bei dieser Debatte geht es um die Deutungshoheit über Antisemitismus und darum, ob Linken-Politiker*innen besser wissen als die Mehrheit der Jüdinnen*Juden in Deutschland, was Antisemitismus für sie bedeutet.



„Yalla Yalla Intifada“


Bei einer Veranstaltung der Neuköllner Linken trat der Rapper Dahabflex mit einem Song auf, in dem er "Yalla, yalla Intifada" und "Death to the IDF" rappte.


"Yalla" bedeutet "los, auf geht's". „Intifada“ heißt übersetzt „Abschüttelung“ und bezeichnet im politischen Kontext die beiden palästinensischen Aufstände gegen Israel. Das Verwaltungsgericht Köln kam 2026 zu dem Schluss, dass die Parole „Yalla Intifada“ als Billigung der gewaltsamen terroristischen Anschläge auf israelische Zivilist*innen und als Aufruf zu Gewalt gegen Israelis (die überwiegend jüdisch sind) verstanden werden kann. Elif Eralp und Kerstin Wolter distanzierten sich später von dem Auftritt.



„Death to the IDF“


Dahabflex rappte außerdem „Death to the IDF“, was wörtlich „Tod der israelischen Armee“ bedeutet. Auch wenn der Slogan sich nicht pauschal gegen Jüdinnen*Juden als religiöse oder ethnische Gruppe richtet, besteht eine erhebliche Überschneidung, da die Mehrheit der israelischen Bevölkerung jüdisch ist - und Wehrpflicht besteht. Bei aller berechtigten Kritik an der israelischen Kriegsführung muss auch klar sein: Ohne die IDF gäbe es Israel als Heimat von 7,3 Millionen Jüdinnen*Juden (etwa die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung) schon lange nicht mehr. Israel war seit seiner Staatsgründung mehrfach Ziel militärischer Angriffe und existenzieller Bedrohungen.



Verbindungen zu Terrorismus und organisierter Kriminalität


Bei einer Wahlparty wurde der Linken-Abgeordnete Ferat Koçak mit Ibrahim Ibrahim, einem Vertreter des Hamas-nahen „Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees“, fotografiert. Ibrahim bezeichnete Hamas-Führer Yahya Sinwar, der maßgeblich für die Greueltaten des 7. Oktober verant-wortlich war, öffentlich als „Märtyrerhelden“. Außerdem hatte Koçak schriftlichen Kontakt mit Firas Remmo, dessen Vater Issa Chef eines kriminellen Netzwerks ist, das mit schweren Straftaten in Verbindung gebracht wird. Issa Remmo hat die Wahlparty der Linken besucht, wurde aber hinausgebeten. Koçak will nicht gewusst haben, um wen es sich bei den Personen handelte. Er distanzierte sich von Gewalt und Terrorverherrlichung.



Jüdinnen*Juden haben Angst


Für einen palästinensischen Staat einzutreten oder die israelische Regierung zu kritisieren, ist nicht antisemitisch. Etwas anderes ist es, wenn Akteure Gewalt gegen israelische Zivilist*innen als Widerstand feiern oder das Existenzrecht Israels in Frage stellen. Dass all das - zusätzlich zum Erstarken der AfD - Jüdinnen*Juden in Deutschland große Sorgen macht, ist absolut nachvoll-ziehbar. Und es bleibt nicht bei Worten.


Der Berlin-Monitor 2025 zeigt, dass antisemitische Straftaten um 100 Prozent zugenommen haben, antisemitische Hasskriminalität im Internet um 93 Prozent und kriminelle Taten im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt um 250 Prozent.



Die größte Gefahr für Jüdinnen*Juden, mit antisemitischen Ressentiments konfrontiert zu werden, kommt laut Berlin Monitor jedoch ganz klar von rechts. Gleichzeitig sind antisemitische Ressentiments unter Berliner*innen ohne deutsche Staatsbürgerschaft am weitesten verbreitet.


Um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen, müssen wir ihn verurteilen - egal, aus welcher Ecke er kommt.



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