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ADOLESCENCE: NETFLIX-SERIE LÖST DEBATTE ÜBER TOXISCHE MÄNNLICHKEIT AUS

Aktualisiert: 23. Dez. 2025


Über 24 Millionen Streams allein in Großbritannien innerhalb einer Woche, Premierminister Keir Starmer spricht über die Serie im Parlament - außerdem belegt sie in 79 Ländern den Spitzenplatz der Netflix-Charts. “Adolescence” ist es gelungen, eine längst überfällige Debatte über toxische Männlichkeit und Frauenhass anzustoßen.


Die Serie (Drehbuch Jack Thorne und Stephen Graham, Regie Philip Barantini) erzählt die Geschichte des 13-jährigen Jamie Miller (brillant gespielt von Owen Cooper), dem der Mord an seiner Mitschülerin Katie vorgeworfen wird. Eigentlich geht es aber um viel mehr: Es geht um eine Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs, die dem Phänomen männlicher Gewalt scheinbar hilflos ausgeliefert ist. Es geht um überforderte Eltern, Lehrer*innen ohne jede Autorität und Jugendliche, die von ihren Mobiltelefonen vereinnahmt wie auf einem fremden Planeten leben.


Damit Detective Inspector Luke Bascombe (Ashley Walters) ermitteln kann, muss ihm erstmal sein Sohn Adam (Amari Bacchus) erklären, welche Bedeutung die Emojis in der Manosphere haben - Social Media Skills, die heutzutage wichtig für die Aufklärung von Morden sind. Jamies Vater Eddie (Stephen Graham) quält sich unterdessen mit der Frage, inwieweit er Schuld an der Tat seines Sohnes trägt, weil er ihn unbeaufsichtigt am Computer sitzen ließ und zu einem “echten Kerl” erziehen wollte.


Polizeipsychologin Briony Ariston (Erin Doherty) versucht herauszufinden, ob der milchgesichtige Jamie überhaupt wusste, was er mit seiner Tat verursacht hat. Hochinteressant und beklemmend auch die vierte Episode, in der Jamies Familie den Geburtstag von Vater Eddie feiern will - aber angesichts der bevorstehenden Gerichtsverhandlung, bei der der eigene Sohn auf der Anklagebank sitzt, keine rechte Stimmung aufkommen will. Interessant ist hier die Darstellung der unterschwelligen Gewalt, die von Jamies Vater ausgeht. Auch wenn er nicht handgreiflich wird, sind seine Frau Manda (Christine Tremarco) und seine Tochter Lisa (Amelie Pease) in einer fast unerträglichen Passivität gefangen. Statt authentisch ihre Gefühle auszudrücken, sind sie durchgehend bemüht, nur ja nichts “falsch” zu machen, damit Eddie nicht ausrastet. Dieses Kreisen um die Perspektive des Sohnes und des Vaters / Ehemannes steht exemplarisch für eine Gesellschaft, in der die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen - wenn überhaupt - ganz unten auf der Prioritätenliste stehen. Eine Gesellschaft, in der allein die Möglichkeit männlicher Gewalt dazu ausreicht, den Frauen die Luft zum Atmen zu nehmen. Von freier Entfaltung ganz zu schweigen. Um sich nicht zu gefährden, leben sie in ständigem vorauseilenden Gehorsam.


Wenn das absichtlich so gesetzt wäre, dann wäre es genial. Leider vernachlässigt die Serie insgesamt stark die weibliche Perspektive. Die Polizistin Faye Marsay (Misha Frank) läuft ihrem Kollegen wie eine Anfängerin planlos hinterher und hat so gut wie keinen Text, außer wenn sie Bascombe Tipps für den Umgang mit seinem Sohn gibt (Care-Arbeit wird Frauen ja bekanntermaßen zugetraut). Nur in der dritten Episode gibt es mit der Polizeipsychologin Briony Ariston (Erin Doherty) so etwas wie eine weibliche Hauptfigur. Ansonsten kreist die Serie hauptsächlich um den Täter, seinen Vater und Detective Bascombe. Für das Mordopfer und ihre Familie interessiert sich kaum jemand.


Die Serie reproduziert dadurch das gesellschaftliche Problem, das toxischer Männlichkeit und Frauenhass Tür und Tor öffnet: Die fehlende Sichtbarmachung und Wertschätzung von weiblichen Sichtweisen und Bedürfnissen. Wie geht es Katies Eltern und eventuell Geschwistern? Wie findet Katies beste Freundin Jade (Fatima Bojang) einen Weg, mit dem Mord an ihrer Freundin umzugehen? Wie können die Mädchen an der Schule mit der dort herrschenden Gewalt weiterleben? All dies wird gar nicht oder kaum thematisiert. Stattdessen wird bei Jade das Stereotyp der "Angry Black Woman" reproduziert, wodurch sie uns seltsam fremd bleibt.


Die Hauptschuld an dem Mord wird den sozialen Medien gegeben und nicht den patriarchalen Strukturen, die auch im realen Leben Misogynie und Gewalt befeuern - und das, schon lange bevor es Mobiltelefone gab.


Trotz dieser Wermutstropfen ist “Adolescence” absolut sehenswert.


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